Über die Schüssel auf dem Tisch gebeugt, ließ Karl seinen Tränen freien Lauf. Dann würde er warten, bis sein Augenwasser getrocknet war. Wie immer. Mit einem kleinen Seziermesser würde er wieder das getrocknete Salz zusammenkratzen und zu dem bereits gesammelten ins Reagenzglas füllen.

Nicht mehr lange, dann würde Karl seiner Frau sein wunderbares Badesalz überreichen können. Angereichert mit dem Salz seiner Tränen und ihrem Lieblingsduft; sich langsam von der Kopf- zur Herz- bis hin zur Basisnote aufbauend: Patschuli gepaart mit Rose. Es war nicht leicht, die Zutaten unbemerkt zu erstehen. Seine Lebenslügen nahmen dabei kein Ende. Aber bald. Dann wäre das Tal durchschritten. Ein letztes Mal wollte Karl seiner Frau seine unendliche Liebe beweisen.

Ein stechender Schmerz im Nacken riss ihn aus seinen Gedanken. Elendig langsam färbte sich der Inhalt der Schüssel rot. Bewegungslos vernahm er das Gelächter seiner Frau  hinter sich. während das Reagenzglas zerbrechend auf den Tisch fiel. Als Karl erwachte war er allein und fühlte sich zu einem Schmetterling unter einer Taucherglocke verkommen. Es war Valentinstag.

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Der Text entstand 2009 und war einer meiner ersten Versuche, Unterwürfigkeit in der Liebe auszudrücken.