Die Heimatstadt Prag

Prag-1002963_1280_klausdieEs gibt Städte, deren Ausstrahlung von einem geheimen Zauber herzurühren scheint, einem Zauber, der ihre Menschen erfüllt und sie leitet und ihnen zeitlebens ein besonderes Gepräge gibt: So eine Stadt ist das alte, sagenumwobene Prag. Von jeher hat diese Stadt bedeutende Menschen hervorgebracht oder doch beherbergt: Kaiser und Könige, die dem Glauben an die Sterne huldigten und ihr Schicksal aus ihnen zu lesen versuchten, Gelehrte und Ärzte mit geheimnisvollen Praktiken, Grübler und Forscher, die den Stein der Weisen finden wollten und sich hinter Retorten und Phiolen in den Zauberküchen der Alchimie um die Herstellung des Goldes bemühten, Denker und religiöse Genies, die den Schatz ihres begnadeten Wissens in Symbole und Legenden kleideten, um das Unaussprechliche verständlich zu machen, und schließlich, ihnen sehr verwandt, die Dichter, an denen Prag deshalb so reich zu sein scheint, weil seine zauberhafte Atmosphäre ihnen stets neue Geheimnisse zuflüstert und in recht eigentlichem Sinne die Lebensluft bildet, in denen ihre Kunst gedeiht.
In dieser merkwürdigen Stadt an der Moldau mit der prächtigen Karlsbrücke, den Brückenheiligen und dem imposanten Hradschin, der alten Hofburg, ihren Barockpalästen, Türmen, Kirchen und Plätzen, ihren tausendjährigen Friedhöfen und altersgrauen Synagogen, ihren verwinkelten Gassen und düsteren Spelunken, uralten Häusern und zwielichtigen Höfen, Altanen und Loggien, die alle vom Hauch der Jahrhunderte dunkel geworden sind, in dieser geheimnisvollen Stadt, die im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts so viele Dichter hervorgebracht hat, ist am 4. Dezember 1875 auch Rainer Maria Rilke geboren worden.
In der kleinen Kirche von St. Heinrich, deren alte Mauern von bemoosten Grabplatten mit Wappen geharnischter Ritter übersät ist, unweit des Prager Stadtparks, ist der Dichter auf den Namen Rene Karl Wilhelm Josef Maria Rilke sechs Tage vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1875 getauft worden.
Von der Taufkirche ist es nicht weit zur Heinrichsgasse, wo Rilkes Eltern wohnten. Es war ein „gutes“ Viertel der Stadt, wenngleich der gesellschaftliche Ehrgeiz von Rilkes Mutter, der Tochter eines Ratsherrn, damit nicht recht zufrieden war. Sie hätte viel lieber in dem noch vornehmeren Bezirk direkt am Stadtpark gewohnt. Dort lagen die prächtigen Villen der böhmischen Industriellen, darunter auch die des Handschuhfabrikanten Werfel, des Vaters des Dichters Franz Werfel. Trotzdem war die Heinrichsgasse viel vornehmer als etwa die meisten Gassen der Prager Altstadt, die man auf dem Wege durch winkelige Bazare, Durchgangshäuser mit verwitterten Innenhofbalkonen und vorbei an kleinen Biergärten erreichte. Hier lag irgendwo das Geburtshaus Franz Kafkas.

Frühes Leid

Rilke, drei Jahre alt, circa 1878–1879

Rilke, drei Jahre alt, circa 1878–1879

Den Zauber dieser alten Stadt in seiner Vielschichtigkeit ungetrübt als Einheit in sich aufnehmen zu können, war Rilke nicht beschieden. Bald schon zerfiel ihm das kindliche Glück, das im Gefühl des Verbundenseins aller Dinge zum Ausdruck kommt, der Verbundenheit von Ich und Welt, Arm und Reich, Vornehm und Gering. Es zerfiel ihm in alle diese hässlichen Gegensätze, die die Erwachsenen durch ihre Nüchternheit und ihren Ehrgeiz immer erst schaffen.

Rilkes Mutter zeigte dem heranwachsenden Rene immer und immer wieder das Barockpalais in der eleganten Herrengasse, das einst Adelsbesitz gewesen und nun von ihren Eltern bewohnt war, und sie tat das jedes Mal mit Stolz auf diese ihre Herkunft und mit Bitterkeit auf ihr jetziges Zuhause. Sie konnte den eleganten Lebensstil dort nicht vergessen und auch nicht den prunkvollen Rahmen, in dem er sich in den hohen, stuckverzierten Räumen, den weiten, hallenden Gängen und den prächtigen Treppen dieses Hauses abspielte. Als sie Josef Rilke, den ehemaligen k. u. k. Artillerieunteroffizier und nunmehrigen Eisenbahnangestellten, geheiratet hatte, dachte sie nicht daran, dass ihr Gatte zeitlebens in so bescheidener Stellung verbleiben würde. Denn dieser Josef Rilke war einmal ein sehr forscher Soldat gewesen, der sich zu den höchsten militärischen Hoffnungen berechtigt sah, die sich dann leider nicht erfüllten. In ihren Erwartungen enttäuscht, fühlte Rilkes Mutter sich bald in der Rolle einer Frau, der vom Schicksal übel mitgespielt wurde. Durch ihren gesellschaftlichen Ehrgeiz kam es zu Spannungen in der Ehe, die eine Quelle frühen Leides für den kleinen Rene Maria bildeten. Er litt sehr unter den unguten Familienverhältnissen und wurde von seiner Mutter in einer ihm selbst oft unangenehmen Weise verzärtelt.
Fünf Jahre vor seiner Geburt hatten die Eltern ein Mädchen verloren, und die Mutter glaubte nun, den Sohn als Ersatz für diesen Verlust betrachten zu müssen. Sie kleidete Rene als Mädchen und ließ ihm das gelockte Haar mädchenhaft bis auf die Schulter fallend wachsen. Fünf Jahre lang, bis zum Beginn der Volksschulzeit, musste sich Rilke diese Verkleidung gefallen lassen, zu der als Spielzeug nicht Trommel und Trompete, Burg und Zinnfiguren kamen, sondern Puppenstube und Puppen. Im elfenbeinernen Turm dieser Erziehung wurde er behütet und bewacht wie ein zerbrechliches Stück Glas. Das wurde nicht viel besser, als er in die Schule kam.

Natürlich musste es die vornehmste Anstalt sein, die damals für die Söhne bürgerlicher Familien gerade in Mode war: das Institut der Piaristen, drunten am Graben bei der Herrengasse. Von den Prager Gassenjungen wurden die Piaristenschüler auf ihrem Schulweg immer verspottet. Auch Rene riefen sie den Vers nach: „Piaristen, schlechte Christen!“ Aber Rene traf nicht einmal dieser Spottvers allein. Auf dem Weg zur Schule wurde er stets von seiner Mutter begleitet, die immer ganz in feierliches Schwarz gekleidet war und mit Rene fast nur französisch sprach, weil es ihr vornehmer dünkte. Täglich wurde er von der ängstlich besorgten .Frau vor das Schultor des klösterlichen Baues gebracht und dort auch wieder abgeholt. Das ungezwungene freie Spiel mit Kameraden war ihm verwehrt. Es gab für ihn keine Lausbubenstreiche, kein Indianerspiel mit Siegestrophäen und Freudengeheul. Dafür versuchte Rene sich bereits acht Jahren an seinen ersten Versen, sehr zum Ärger seines Vaters, dessen eigentliche Heimat noch immer die Kasernenhöfe waren und der in den Versuchen seines Sohnes nichts als ungesunde Schwärmereien sah.

Fremd unter Fremden wuchs Rene auf. Dabei hätte er gern mit den anderen Kindern gespielt, wäre wie sie gewesen, ein einfacher, fröhlicher Junge unter Jungen. Das Erlebnis erzwungenen Andersseins hat sich tief in die Seele Rilkes gesenkt. Die Erinnerung an seine Kindheit machte ihn hellhörig für die Nöte der Kinder, deren eigene Welt von den Erwachsenen so selten wirklich verstanden wird. Noch als Siebenundzwanzigjähriger schrieb er das Gedicht seiner eigenen „Kindheit“, in dem das Fremdsein und die Einsamkeit des kleinen Rene inmitten der lebensprühenden Welt, ihrer Straßen, Plätze und Brunnen noch einmal Gestalt geworden ist. Er beschwört in diesem Gedicht die lange Zeit der Schule, die Trauer über die Ferne, durch die er von der Welt der Erwachsenen, aber auch von der der anderen Kinder getrennt ist. Wenn er durch sie alle hindurch „im kleinen Kleid“ gehen muss und abends nach dem einsamen, selbstvergessenen Spiel im Garten gleich wieder „fest angefasst“ nach Hause geführt wird, neuen Ängsten entgegen, so grübelt er immer wieder schmerzlich über sich selber nach und beim Spiel mit seinem Segelschiff überprüft er sein kleines Gesicht im Spiegel des Teiches:

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen . ..
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen,
und auf den Plätzen die Fontänen springen,
und in den Gärten wird die Welt so weit. —
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,
ganz anders als die andern gehn und gingen —
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
O Einsamkeit.


Und in das alles fern hinauszuschauen:
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
und Kinder, welche anders sind und bunt;
und da ejn Haus und dann und wann ein Hund
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen —
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
O Tiefe ohne Grund.


Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
in einem Garten, welcher sanft verblaßt,
und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
blind und verwildert in des Haschens Hast,
aber am Abend still, mit kleinen steifen
Schritten nach Haus zu gehn, fest angefaßt —
O immer mehr entweichendes Begreifen,
O Angst, o Last.

Und stundenlang am großen grauen Teiche
mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche
und schönere Segel durch die Ringe ziehn,
und denken müssen an das kleine bleiche
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien —
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche,
wohin? Wohin?

Das frühe Leid der Kindheit und die ratlose Frage nach dem Wohin steigerten sich noch. Als Rilke neun Jahre alt war, ließen die Eltern sich scheiden. Rene blieb zunächst bei der Mutter. Ein Jahr später musste die Entscheidung über Renes künftigen Beruf getroffen werden. In der österreichischen Monarchie, zu der Prag damals gehörte, war es für die Söhne verarmter bürgerlicher Familien stets ein sicherer Weg, die Militärkarriere einzuschlagen. Diese Laufbahn entsprach auch den Vorstellungen von Rilkes Vater, der immer noch hoffte, in seinem Sohn einmal jene Militärgröße zu sehen, die zu erreichen ihm selber versagt geblieben war. Hinzu kam noch der nicht minder ausschlaggebende Grund für eine solche Berufswahl, dass damit auch die Kosten für das Gymnasium gespart werden konnten, die von den Eltern nicht mehr aufzubringen waren, nachdem Rilkes Mutter ihre Mitgift aufgebraucht hatte. Renes Onkel, dem Landesadvokaten Jaroslav Rilke, gelang es, für seinen Neffen einen Freiplatz, einen sogenannten „Landesstiftungsplatz“, an der Militärunterrealschule in St. Polten in Niederösterreich zu bekommen.

Im September 1885 schritt der zehnjährige Rene Rilke durch das Tor der Schulkaserne, die ihn die nächsten fünf Jahre festhielt. Obwohl er zu den besten Schülern der Militäranstalt gehörte, erschien sie ihm doch wie ein „Totenhaus“. Wenn es ihm auch gestattet wurde, seine Gedichte vor der Klasse zu rezitieren, blieb er trotzdem inmitten der verständnislosen Kameraden ein Einsamer und Fremder. Bald zog er sich von ihren Spielen zurück. Die kleine Friedhofsecke im Garten der Anstalt wurde sein Lieblingsaufenthalt. Hier konnte er ungestört seinen Träumen nachhängen und seine Sehnsucht nach einem glanzvollen Leben in seine oft noch recht holprigen Verse gießen. Mit gutem Erfolg absolvierte Rene im Sommer 1890 die Militärschule in St. Polten. Noch im September desselben Jahres trat er in die Militäroberrealschule in Mährisch-Weißkirchen ein. Aber schon am 6. Dezember 1890 wurde er „krankheitshalber“ wieder beurlaubt und dann ganz entlassen. Rene war endlich den Mauern der Kaserne entronnen. Trotzdem fühlte er sich nicht glücklich dabei. Genau genommen, war er eben doch ein gescheiterter Militärschüler. Er kehrte im Juli 1891 nach Prag zurück. Die Mutter lebte längst in anderen Städten und überließ den Sechzehnjährigen der Obhut seines Vaters und der Verwandten. Sie schoben ihn nach Linz ab, an die dortige Handelsakademie. Rene interessierte sich wenig für Wirtschaftswissenschaften und Bilanz, kaufmännische Kalkulation und buchhalterische Praktiken. Er sann viel lieber neuen Versen nach, veröffentlichte auch schon ein erstes Gedicht und ließ seine Phantasie durch die Aufführungen des Linzer Stadttheaters befeuern.

Wieder kehrte er im Mai 1892 in die Heimatstadt zurück. Onkel Jaroslav zahlte ihm jetzt monatlich zweihundert Gulden aus, damit er sich privat auf das Abitur vorbereiten konnte. Der kinderlose Landesadvokat hoffte, dass Rene einmal die Rechtswissenschaften studieren und dann seine Anwaltskanzlei übernehmen würde. Rene aber blieb heimatlos in seiner Heimatstadt.

Erste Liebe — Erste Erwartung

Rainer Maria Rilke mit Baladine Klossowska in Muzot 1923

Rainer Maria Rilke mit Baladine Klossowska in Muzot 1923

Rene wohnte jetzt bei seiner Tante, der Witwe Gabriele von Kutschera-Woborsky, in der Wassergasse. Mit zäher Energie bereitete er sich auf die Prüfung am Prager Neustädter Gymnasium vor. Die Zeit seiner Privatstudien, in der er das Pensum des Gymnasiasten nachholte, dauerte vom September 1892 bis zum Sommer 1895. Es war eine Zeit ernster Arbeit an sich selbst. Jeden Morgen stand Rene um sechs Uhr auf und arbeitete bis Mittag durch. Mit gutem Erfolg bestand er schließlich am 6. Juni 1895 seine Reifeprüfung. Aber schon während der Zeit seiner Privatstudien benutzte er jede freie Stunde, um aus der abgestandenen Luft seiner Umgebung zu fliehen. Es zog ihn hinaus in eine lichtere Welt, hinaus zu den Weinbergen. Aber nicht nur die Sonne und die weichen Rebenhügel waren es, die ihn lockten. Durch eine seiner Cousinen hatte er Valeria David-Rhonfeld kennengelernt, die dort draußen wohnte. Sie war ein hübsches, munteres Mädchen, das selbst Novellen schrieb und für Renes literarische Pläne volles Verständnis hatte. Während sie seidene Bänder und Porzellan bemalte, las Rene ihr seine frühen Verse vor. Ihr, seiner ersten Liebe, „Vally“, widmete er seinen ersten Gedichtband „Leben und Lieder“.
Valeria hatte eine der Broschen aus dem kostbaren Familienschmuck, den sie geerbt hatte, zum Juwelier gebracht und finanzierte aus dem Erlös den Druck des Bändchens. Bei diesem Mädchen fand Rene Heimat und Verständnis, Geborgenheit und Liebe. Sie war nicht nur die gütige Muse seines frühen Schaffens und seiner ehrgeizigen Pläne. Sie leitete ihn auch mit milder Hand aus dem engen Kreis seiner ererbten Vorstellungen heraus zu einem selbständigeren und umfassenderen Denken. Durch Valeria wurde Rene gewahr, dass nicht nur das Deutschtum in Böhmen eine kulturelle Höhe einnahm, sondern ebenso auch das Tschechentum. Sie wurde die Mittlerin zwischen Rene und den Tschechen in einer Zeit, in der der Nationalismus wie Unkraut im böhmischen Garten aufschoss, den Deutsche und Tschechen einst gemeinsam bestellt hatten. Bereits vor dreißig Jahren hatte Adalbert Stifter in seinem Roman „Witiko“ noch einmal die Einheit von Deutschtum und Tschechentum innerhalb der beide umfassenden böhmischen Heimat und Geschichte beschworen. Aber es war nur noch der Traum einer Friedensordnung zweier Völker, der längst zerbrochen war. Der zwanzigjährige Rilke wurde zu einem neuen Herold der Völkersympathie, indem er, entgegen den Meinungen vieler seiner bekannteren und älteren Zeitgenossen, tschechische Themen aufgriff und sie in seinen Gedichten gestaltete. Begeistert feierte er den Feuertod des Jan Hus in Konstanz als den Sieg eines Märtyrers, vor dessen Genius er sich in Ehrfurcht neigte, denn:

Der, den das Gericht verdammte,
war im Herzen, tief und rein,
überzeugt von seinem Amte, —
und der hohe Holzstoß flammte
seines Ruhmes Strahlenschein.

Er gedachte des tschechischen Dramatikers Josef Kajetan Tyl in seinen Versen, besuchte eine Prager Ausstellung, in der die Entwicklung der slawischen Völker dargestellt wurde, weshalb deutsche Nationalisten sie boykottierten, und er beschwor die sagenumwobene Gestalt des tschechischen Ritters Dalibor, der in Kerkerhaft einst aus Sehnsucht das Geigenspiel erlernte und mit seiner Musik seine Wächter bezauberte. Dem Ritter Dalibor fühlte der junge Rilke sich verwandt. Auch für ihn war die Musik Abglanz des eigenen Wesens. Nicht nur in der Schmiegsamkeit und dem melodischen Wohlklang seiner Sprache kommt das zum Ausdruck. Musik ist für Rilke stets der Zauberschlüssel gewesen, mit dem er in die geheimsten Kammern seiner Selbst eindrang, sie öffnete und aus der Einsamkeit, die ihn zuweilen wie eine Kerkerhaft umschloss, das Lied erstehen ließ, das den Schmerz auflöste und verwandelte. So schrieb Rilke jetzt die Verse, die zugleich erste Erwartung künftigen Dichtertums sind:

… in Kerkereinsamkeiten
weck ich meiner Seele Saiten,
glücklich wie einst Dalibor.

Immer wieder ersteht in Renes Versen seine Heimatstadt „Mütterchen Prag“. 1896 wird die Gedichtsammlung „Larenopfer“ veröffentlicht, deren Gedichte einem poetischen Spaziergang durch die Sagenreiche alte Stadt gleichen. Sie beschwören die eiligen Moldauwellen und die alte Hofburg, die Brücken und ihre bewegten Heiligenfiguren, die Prager „Kleinseite“ und die Wenzelskapelle, den Altstädter Ring und das gotische Rathaus mit seiner alten Uhr. Bürgerhäuser und Paläste, Türme und Kirchen, die ganze Geschichte der Stadt mit ihren Menschen werden lebendig. Da tritt der Wunderrabbi Low auf, der sich einen Golem, einen künstlichen Menschen, als Diener erschuf; Hofmusikanten und slowakische Drahtbinder, der Sternengläubige Kaiser Rudolph und der Magister Hus erscheinen in buntem Reigen. Und dann ist es wieder, als zögen die dunklen Gassen und engen Höfe, die Winkel und das alte Gemäuer der Stadt den Dichter in einen Bann der Trauer. Denn immer wieder wehen Allerseelentagsstimmung und Friedhofstille durch die Verse. Immer noch sind die Friedhöfe magische Orte für Rene, wie schon während seiner St. Pöltener Kadettenzeit, wo er in seiner Friedhofsecke wie Peer Gynt oder Hamlet über das Rätsel seines Daseins sann. Er besucht jetzt den Landfriedhof in Königsaal bei Prag und lässt sich- ganz von der Todesstille umfangen:

Aufschloss das Erztor der Kustode.
Du sahst vor Blüten keine Gruft.
Der Lenz verschleierte dem Tode
das Angesicht mit Blust und Duft;
da stieg wie eine Todesode
ein Trauermantel in die Luft.

Dann aber vermag er Einsamkeit und Schwermut auch plötzlich wieder abzustreifen, um sich im vorgeahnten Glanz späteren Dichterruhmes zu sonnen, der ihn als Künstler einst zum König adeln wird. Sehr von sich überzeugt, schreibt er die Verse:

Ob dir der Stirne göttliches Schweigen
auch kein rotgoldener Reif unterbrach, —
Kinder werden sich vor dir neigen,
selige Schwärmer staunen dir nach.

Es ist ein weiter Weg, den der Dichter von diesem selbstgefälligen Wort bis zu seinem ausgewogenen und reifen Spätwerk gehen musste. Als Zwanzigjähriger ist Rilke manchmal so sehr von sich eingenommen, steigert er sich in ein derart überhitztes Lebensgefühl hinein, dass er einmal ein Gedicht mit „Rene Cäsar Rilke“ unterschrieb. Es war dies die Zeit, in der Rilke sein Abitur bestand. Ein großer Druck war von ihm genommen. Da konnten Begeisterung und Selbstgefühl schon auch einmal die Zügel schießen lassen. In diesem Sommer 1895 macht Rilke auch einige Erholungsreisen. In vollen Zügen genießt er einen Aufenthalt an der Ostsee und die Natur, von der er in Prag so abgesperrt war. Eine Skizze über einen Sonntag an der Ostsee entsteht: „Dann stand ich am Meer. Das Meer war wie violettblauer, schwerer Atlas“, heißt es darin. „Ich staunte hinaus in die flimmernde Pracht. Wie ein Kind, das ein schönes Spielzeug erhalten hat, hätte ich alle rufen mögen, die mir lieb sind: „Kommt und seht, ist das nicht — herrlich?“

Neue Kräfte wachsen ihm zu aus der Natur. Er fühlt sich ungebundener und stärker als je zuvor. In dieser Stimmung wird er sich bewusst, dass noch viel Arbeit auf ihn wartet und er sich dafür ganz frei halten muss. So kommt es, dass er sich innerlich von seiner Bindung an das geliebte Mädchen löst. „Ich glaube halt“, sagt er zu Valeria, „wir dürfen uns nicht zu sehr aneinander gewöhnen — das tut nicht gut.“ Das Mädchen wusste, dass das der Abschied war. Doch sie verstand ihn und war ihm nicht böse. „Dank für das Geschenk der Freiheit“, schrieb ihr Rene, „Du hast Dich groß und edel erwiesen, auch in diesem schweren Augenblick, besser als ich.“ An der Prager Karl-Ferdinands-Universität, an der zehn Jahre später der Dichter Franz Kafka seinen juristischen Doktorgrad erwarb, belegte Rilke im Wintersemester 1895/96 Philosophie. Aber das Studium passte nicht für ihn. Viel zu sehr war er mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Selbstversunkenheit

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Paula Modersohn-Becker: Porträt Rainer Maria Rilke, 1906, Bremen, Sammlung Ludwig Roselius

Das „göttliche Schweigen“ seiner Stirn, von der Rene in so selbstbewusstem Jugendpathos sprach, wurde nicht nur von „seligen Schwärmern“, sondern bald auch von Frauen wie Katharina Kippenberg, der Gattin von Rilkes späterem Verleger, wirklich an ihm bemerkt. Das Gesicht des jungen Rilke war von einer sehr eigenartigen Selbstversunkenheit geprägt, die sich dann auch in seiner frühen Dichtung äußerte. Katharina Kippenberg hatte den etwa einundzwanzigjährigen Rilke einmal nach einer Shakespeare-Aufführung in irgendeinem Freilichttheater gesehen und in dem ihr damals noch Unbekannten, der schweigsam inmitten einer fröhlichen Gesellschaft saß, sogleich den bedeutenden Menschen erkannt. Sie sah, so berichtet sie selbst: „Ein Gesicht, so beladen mit Bedeutung, so überschüttet mit Gefühl, so gesegnet mit Sendung und über dem allem von einer so unsagbaren Demut und Stille, dass mir der Atem stockte. Die Augen sah ich nicht, sie waren niedergeschlagen, und die Stirn war leicht geneigt, und so inmitten der Lachenden und Schwatzenden ringsum, dem Gewimmel der Farben, der Stimme und des flimmernden Lichtes war es, als wäre man plötzlich von einer lärmenden Straße an das offene Portal einer Kathedrale getreten. Das Erstaunlichste war die Stirn dieses Kopfes, sie schimmerte, und es umwehte sie ein Gewölk, auf und ab zog etwas Schwebendes, ähnlich den kleinen ernsthaften Engeln, die die versonnenen Häupter der Madonnen auf alten frommen Bildern bisweilen umfliegen.“ Rilke war in dieser Zeit immer noch von einer Schwermut erfüllt, die ihre Wurzeln in den noch nicht überwundenen traurigen Erlebnissen der Kindheit und frühen Jugend hatte. Nicht nur in dem Gedichtband „Larenopfer“ (1895), sondern auch in dem Bändchen „Traumgekrönt“ kommt diese Stimmung zum Ausdruck.

Noch Jahre danach ist Rilkes Blick nach rückwärts gerichtet. In durchwachten Nächten grübelt er über das Rätsel des Daseins, über den Sinn des Leidens in der Welt, über sein eigenes Leben, seine Herkunft und Zukunft. Immer wieder neigt er sich über sein eigenes Bild, kommt über frühe Kindheitserlebnisse nicht hinweg, kann nicht verstehen, warum er ein Leben so am Rande, abgetrennt und fremd von all den anderen, den Fröhlichen, führen muss, ein so in sich gekehrtes, einsames Leben. Wieder sieht er sich, zwei Jahrzehnte zurückversetzt, im kurzen Mädchenkleid und langen Haar, an der Hand seiner Mutter und Tanten, und er möchte sich losreißen von dieser Erinnerung. Er versucht es, indem er sie teils beschwörend zu bannen und dadurch zu überwinden beginnt, teils aber auch, indem er seine eigene Existenz in ein erdichtetes Leben von Adel, Abenteuer und Heldentum verwandelt. So entsteht „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, eine kleine Erzählung in Prosa, die 1899 erscheint. Mit ihr erringt der noch nicht Vierundzwanzigjährige seinen ersten Ruhm. Die ganze Sehnsucht nach lebensvoller Ferne und nach dem Abenteuer, die Melancholie langer Märsche auf unendlichen Straßen und im fremden Land, Abschiedsstimmung und Liebeserinnerung sind in die rhythmisierte und lyrisch durchwebte Sprache gebannt, in der schon die ersten Sätze beginnen:

Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die
Nacht, durch den Tag.
Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht
so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum
einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde
Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen.
Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild.
Man hat zwei Augen zu viel. Nur in der Nacht
manchmal glaubt man den Weg zu erkennen. Vielleicht
kehren wir nächstens immer wieder das Stück zurück, das
wir in der fremden Sonne
mühsam gewonnen haben? Es kann sein. Die
Sonne ist schwer, wie bei uns tief im Sommer.
Aber wir haben im Sommer Abschied genommen.
Die Kleider der Frauen leuchteten lang aus dem
Grün. Und nun reiten wir lang. Es muss also
Herbst sein. Wenigstens dort, wo traurige Frauen
von uns wissen.

Der Dichter, der sich nicht mehr wie früher Rene, sondern Rainer Maria Rilke nennt, verwandelt sich in dieser Erzählung in die Gestalt eines Cornets, eines Fähnrichs, der im 17. Jahrhundert in einem kaiserlich-österreichischen Reiterregiment gegen die Türken zieht und nach dem Erlebnis des Feldlagers und des Krieges eine kurze Zeit der Liebe und gleich darauf den Tod unter den Säbeln der Türken erfährt. Sehr verspielt noch nimmt Rilke in dieser Dichtung zu den Lebensmächten Stellung, deren unwiderruflichen Ernst er gleichsam mit dem starken Duft seiner Sprache betäubt. Fern der fürchterlichen Wirklichkeit beschreibt er den Soldatentod als „ein Fest“ und die zuspringenden tödlichen Säbel der Gegner als eine „lachende Wasserkunst“. Und doch klingt bereits etwas von der späteren Lebenserfahrung des Dichters in diesem Werke an: sein Wissen um die geheimnisvollen Zusammenhänge des Daseins, durch die die scheinbar größten Gegensätze einander verbunden sind, wie eben im „Cornet“ die Gegensätze von Liebe und Tod.
Als Wunschbild einer abenteuerlichen Ferne ist diese Dichtung aber auch Vorahnung eines großen Erlebens, das Rilke noch im gleichen Jahre 1899 zuteilwerden sollte: das Erlebnis Russlands und seiner religiösen Welt.

Russland und das religiöse Erlebnis

Rainer_Maria_Rilke,_1900

Rilke um 1900

In München, wo Rilke schon 1896 einmal für kurze Zeit gewesen war, lernte er die Schriftstellerin Lou Andreas-Salome kennen. Lou war die Tochter eines russischen Generals und bald verband ihn eine tiefe Freundschaft mit ihr. Er folgte dieser klugen und faszinierenden Frau, die mit fast allen bedeutenden Geistern ihrer Zeit befreundet war, mit Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud, mit Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Max Halbe und vielen anderen, nach Berlin und nach Wolfratshausen bei München. Im Frühjahr 1899 und im folgenden Jahre begleitete er sie nach Russland. Das Erlebnis dieses Landes mit seinen schwermütigen Weiten, seinen gutmütigen, tief religiösen Menschen der Vorkriegszeit, die Demut in den Gesichtern dieses leidgewohnten Volkes, überhaupt der ganze Zauber des alten Russland mit seinen Gebräuchen und Lebensformen, alles das wühlte die verborgensten Schichten seiner Seele auf. Seine Ergebenheit vor dem Leben und sein noch unbestimmtes religiöses Suchen trafen in Russland auf etwas Verwandtes. Es war, als hätte er sein wahres Wesen erst dort erkannt und erst in diesem Lande das Echo gefunden, das er bisher vergeblich erhoffte.
So sehr liebte er Russland, dass er glaubte, schon von jeher dort beheimatet gewesen zu sein. „Als ich nach Moskau kam“, schrieb er, „war mir alles bekannt und vertraut. Zu Ostern wars. Da rührte es mich an wie meine Ostern, mein Frühling, meine Glocken. Es war die Stadt meiner ältesten und tiefsten Erinnerungen, es war ein fortwährendes Wiedersehen und Winken, es war Heimat.“ Aus der Begegnung mit diesem Lande und seinen Menschen reifte Rilke dem ersten Höhepunkt seines Schaffens entgegen. Auf seiner zweiten Russlandreise besuchte er den zweiundsiebzigjährigen Dichter Leo Tolstoi, der ihn in seiner freiwilligen Armut und dem Versuch, ein Leben nach dem Evangelium der Nächstenliebe zu führen, tief beeindruckte. Kunst erschien Rilke jetzt in einer ganz neuen Beleuchtung: Kunst war Anrufung Gottes, war Gebet. In Russland erfuhr Rilke ein religiöses Erleben, nachdem er unbewusst schon längst auf dem Wege war. „Er bog“, so berichtete Lou Andreas-Salome, „in Russlands Geschichte und Gotteslehre seine eigensten Nöte und Andachten ineinander, bis es in Notschrei und Lobpreis sich ihm als ein Stammeln entriss, das zum Wort ward wie noch nie — das Gebet ward.“ Die Frucht dieses Erlebens ist das „Stunden-Buch“. Von 1899 bis 1903 schrieb Rilke daran. Seine Verse beschwören das neue, mystische Gotteserlebnis, das ihm nun zuteil geworden war. Mystik kommt vom griechischen „myain“, das so viel wie „die Augen schließen“ oder „ein Geheimnis bewahren“ bedeutet. Das Geheimnis der Mystiker ist das Erlebnis der Einheit von Gott und Ich, eine Verbindung, die so innig sein kann, dass alle Grenzen dazwischen fallen. Nicht nur der Mensch wird nach Rilkes Glauben in dieser Art religiösen Erlebens des Gottes bedürftig, sondern auch Gott bedarf der Liebe des Menschen. In immer neuen Bildern und Symbolen beschwört Rilke jetzt diesen Gott. Er ist ihm im „Stunden-Buch“, das seinen Titel von den geregelten Gebetsstunden der Mönche hat, einmal „der uralte Turm“, um den er kreist, dann „der dunkle Unbewusste“, der „Leiseste“, der „Stein“. Und er schreibt diese Verse:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, —
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß, du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds —
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.

Ganz stille muss man sein und nach innen hinein hören, um Gott zu begegnen. In glühenden Stunden des Schaffens gießt Rilke sein ganzes religiöses Erleben, sein Suchen und Finden, sein Zweifeln und Hoffen in die Verse dieser Dichtung, die er in drei Bücher gliedert: „Das Buch vom mönchischen Leben“, „Das Buch von der Pilgerfahrt“ und „Das Buch von der Armut und vom Tode“.

Bisweilen fühlt er sich so eins mit Gott, dass er ihn von der eigenen Existenz nicht mehr zu trennen vermag und die Bedürftigkeit Gottes nach der Liebe des Menschen zu spüren glaubt. Dann stellt er die kühne Frage:

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

So tief ist er in diese eigenwillige Gottesauffassung versunken, dass er sich die Ideen jener russischen Dichter zu eigen macht, die wie einst Maxim Gorki Gott nicht nur suchten, sondern aus überschwänglicher Seele heraus selber erschaffen oder „bauen“ wollten. Manchmal ergreift ihn ein rauschhaftes Gefühl der Einheit mit allen Gott suchenden Menschen. „Wir bauen an Gott, an dem uralten Turm, und wir bauen Jahrhunderte lang …“ schreibt er dann. Aber er weiß, dass das Werk Gottes nie vollendbar ist, denn:

Wir bauen an dir mit zitternden Händen
Und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom.

Rilke teilte in dieser Zeit die Hoffnung vieler Künstler, die im damaligen Russland das Heil und die Rettung der Welt sahen, weil dieses Land von der Mechanisierung und Entseelung durch die moderne Technik noch nicht ergriffen war. Drei Jahre nach seinem zweiten Russlandaufenthalt schrieb Rilke noch an Lou Andreas-Salome: „Vielleicht ist der Russe gemacht, die Menschen-Geschichte vorbeigehen zu lassen, um später in die Harmonie der Dinge einzugreifen mit seinem singenden Herzen. Nur zu dauern hat er, auszuhalten und wie der Geigenspieler, dem noch kein Zeichen gegeben ist, im Orchester zu sitzen, vorsichtig sein Instrument haltend, damit ihm nichts widerfahre.“ Ein Jahrzehnt später aber wurde offenbar, dass diesem russischen Menschen, den Rilke kennen und lieben gelernt hatte, sehr viel widerfuhr und dass die Hoffnung auf ihn trügerisch war. Im Jahre 1913 nämlich, am Vorabend der ersten russischen Revolution, verfasste Lenin an Maxim Gorki einen Brief, in dem er den Dichter gerade jener religiösen Vorstellungen wegen zurechtwies, die Rilke damals so verwandt erschienen. „Das ,Gottsuchen‘ „, so schrieb Lenin an Gorki, „unterscheidet sich von dem ,Bauen eines Gottes‘ oder dem ,Erschaffen eines Gottes‘ oder von dem ,Schaffen eines Gottes‘ nicht mehr, als sich ein gelber Teufel von einem blauen Teufel unterscheidet.“ Die russische Revolution brauchte nur Gläubige ihrer eigenen Idee, nicht Gläubige Gottes, wie sie Rilke einst in diesem Lande begegnet waren.

Der Weg nach Paris

L. Pasternak «R.M.Rilke in Moskau». 1928. Sammlung von Bajer, Weimar

Das ganze Russlanderlebnis klang noch in Rilke nach, als er bald darauf nach Worpswede ging, einer Künstlerkolonie in der Nähe von Hamburg. Dort waren junge Menschen versammelt, vor allem Malerinnen und Bildhauerinnen, die sich in der norddeutschen Landschaft einer herben und satten Farbigkeit, umgeben vom dunklen Moor, dem Wehen hoher Birken und von der salzigen Meeresluft getränkt, zu beschwingter Arbeit und freundschaftlichem Gespräch zusammengefunden hatten. In dem weißen Saal des Hauses, das Rilke bewohnte, trafen sich an den Sonntagen die Künstler. Da gab es lange und leidenschaftliche Diskussionen über die Kunst, ihren Weg und ihr Ziel. Der Dichter lernte jetzt von den Malern und Bildhauern das genauere Erfassen der Natur, das Erkennen innerer Lebensvorgänge im äußeren Kleid und im Wandel der Gestalt. Die Maler und Bildhauer wiederum lernten vom Dichter den Mut zur eigenen Ausdrucksweise auf dem Instrument der Sprache, und sie nahmen teil an seinem Bemühen, „aus jedem Wort ein Kleinod zu machen“. Worpswede ist für Rilke eine Zeit des Glück, der jugendlichen Begeisterung und des Zuwachses von Kraft. Trotzdem weiß er, dass er bei aller Liebe zu diesem naturnahen, ungebundenen Leben, zu dieser Landschaft und zu diesen Menschen nicht sesshaft werden darf. Sesshaftigkeit kann leicht zur Trägheit führen, kann von dem Werk, das erst noch zu leisten ist, ablenken. „Ich darf noch kein Häuschen haben. Werden und warten ist meines“, notiert er. „Es ist, als wäre mir eine Mission vorbehalten“, schreibt er in sein Tagebuch, „welche es notwendig macht, dass ich jede Schönheit umfassen lerne und die Schönheit in jedem“.

Da lernt er unter den Worpsweder Künstlern ein Mädchen kennen, das unter allen anderen hervorragt: Clara Westhoff, eine Schülerin des berühmten französischen Bildhauers Auguste Rodin. Diese Begegnung wird schicksalhaft für beide. Aus der gegenseitigen Bewunderung wird bald persönliche Zuneigung und Liebe. Im Frühjahr 1901 heiraten die beiden. Rilke versucht sich nun doch in der Sesshaftigkeit. Das junge Künstlerehepaar zieht hinaus nach Westerwede, einem kleinen Ort in der Nähe von Worpswede, und richtet sich dort in einem Bauernhaus in recht romantischer Weise ein. Es scheint zunächst wirklich, als ob sich hier Rilkes Wunsch nach Sammlung und grenzenloser, ungestörter Arbeit erfüllen könnte. Bald aber stellt sich heraus, dass ein solches Dasein in der Idylle doch nicht das dem Dichter gemäße und ihm bestimmte Leben ist. Dazu kommen wirtschaftliche Schwierigkeiten. Bald reichen die Mittel zur Aufrechterhaltung des Hausstandes nicht mehr aus. Rilke schreibt Briefe nach Berlin, Hamburg, Bremen und Wien, um schriftstellerische Aufträge zu bekommen. Aber er hat kein Glück. Es zeigt sich nun auch, dass Rilke und Clara Westhoff so sehr in ihren eigenen Welten als Künstler lebten, dass für sie auf die Dauer ein häusliches Leben sowieso nicht geeignet ist. So entschließen sie sich nach zwei Jahren, Westerwede zu verlassen, nach Paris zu gehen und sich dort auf die billigste Weise einzurichten, um ganz ihrer Kunst zu leben. Die inzwischen geborene Tochter wurde den Großeltern anvertraut.

Clara Rilke-Westhoff, Gemälde von Paula Modersohn-Becker, 1905

Clara Rilke-Westhoff, Gemälde von Paula Modersohn-Becker, 1905

Rilke bezog zuerst ein kleines möbliertes Zimmer, Clara Westhoff ein kleines Atelier. Die Bildhauerin machte Rilke jetzt mit ihrem Lehrer Rodin bekannt. Diese Begegnung ist für den Dichtet von gleicher Tragweite, wie es die mit Russland und Tolstoi gewesen war. Rodin nahm Rilke von 1905 bis 1906 ganz in sein tägliches Leben auf, indem er ihn als Privatsekretär verpflichtete. Dieser Bildhauer, der in seinem Atelier, dem früheren Kloster von Sacre Coeur, Skulptur um Skulptur schafft, dem Stein mit männlicher, fast gewalttätiger Sicherheit alle Formen abverlangt, die sein leidenschaftlicher Geist fordert, der einen ganz neuen Stil von gewaltiger Ausdruckskraft entwickelt und unter der steinernen Welt seines Arbeitsplatzes mit seiner gedrungenen Gestalt, dem stierhaften Nacken und dem charakteristisch modellierten Kopf selbst wie eine seiner Figuren wirkt, dieser Künstler des Schlegels und des Meißels wirkt auf den immer noch sehr in sich versponnenen Dichter wie ein Gewittersturm. Jetzt erst, durch Rodin und das Beispiel seines Schaffens, gewinnt Rilke ein wirkliches Verhältnis zur Welt der realen Dinge und zur Natur, die er in Worpswede bereits in ihren äußeren Formen richtig sehen zu lernen angefangen hatte. Nun lernt Rilke mit den Dingen umzugehen, sie in der Sprache zu bannen, so, wie der Bildhauer sie mit dem Meißel gestaltet und beherrscht. Zum ersten Mal gewinnt er Mut, den Dingen und der äußeren Welt gegenüber. Er löst sich aus der eigenen Selbstversunkenheit und tritt heraus in das grelle Licht des Alltags mit seiner bunten Fülle der Erscheinungen. In Meudon, in dem kleinen Haus neben dem Hause Rodins, ist jetzt auch Rilkes Wohnung. Nicht nur die Beobachtung des Bildhauers bei seiner Arbeit im Atelier ergibt fruchtbare Einsichten. Auch die vielen Gespräche, die Rilke abends im Garten mit Rodin und seiner liebenswürdigen, bescheidenen Frau führt, die gemeinsamen Fahrten in die Stadt, Ausflüge nach Versailles und Reisen nach Chartres bereichern ihn mehr von Tag zu Tag. „Rodin hat mich alles gelehrt, was ich vorher noch nicht wusste“, ruft er aus, „geöffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor sich gehendes Dasein, durch seine sichere, durch nichts erschütterte Einsamkeit, durch sein großes Beisammensein um sich selbst und sein wachsendes Altern, in dem alle Dinge zusammengeschlossen sind.“ Durch die Begegnung mit Rodin kommt Rilke zu einem ganz neuen Stil. Er gewinnt nun in seiner Sprache eine Buntheit und einen Reichtum wie nie zuvor. Durch eine ganz neue Verdeutlichung der sprachlichen Gestaltung wird er selbst zum Beherrscher der Dingwelt. Jetzt vermag er mit dem dichterischen Wort die Dinge wirklich zu erschaffen. Es ist, als wäre er jetzt erst sehend geworden. Ein starkes Verlangen nach den Erscheinungsformen der Welt, nach ihren Bewegungen und Gesetzen erfasst ihn. Nichts mehr ist jetzt unwichtig. Ein Stück Holz, eine Mauer, ein Baum, ein Stein, alles hat seine Bedeutung und sein eigenes Leben, das es von innen her, aus dem Wesen der Dinge heraus, zu erkennen gilt. Stundenlang streicht Rilke durch die Straßen von Paris. Mit immer neuen Eindrücken füllt er sich an. Sein Auge wird unersättlich. Was er jetzt nachgerade gierig in sich aufnimmt, das verarbeitet sein Geist zu der neuen dichterischen Form. Oft sieht man den schmalen, etwas nach vorn gebeugten Mann im grauen Anzug, mit den grauen Gamaschen, dem weichen Filzhut und dem unter den Arm geschobenen Spazierstock in den Pariser Straßen, wo er Menschen und Dinge genau registriert, Glanz und Elend, Kinderfreude und Altersleid. Der Garten des Luxembourg-Palais gehört zu den Lieblingszielen seiner Spaziergänge. Dort beobachtet er die bunte Pracht der Karussells und die aufgeregte Freude der Kinder. Das alles vermag er jetzt, bis in die Bewegung hinein, in Versen auszudrücken. Eines seiner berühmten Gedichte, „Das Karussell •— Jardin du Luxembourg“, entsteht:

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwünge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber —

Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines, kaum begonnenes Profil —.

Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .

Auguste Rodin

Auguste Rodin

Der Einfluss des Bildhauers auf den Dichter findet in den „Neuen Gedichten“, die 1907/08 entstanden, in der klar umrissenen Hinwendung zur Welt der Dinge, seinen stärksten Niederschlag. Wie Rodin am Stein, so meißelt Rilke an der Sprache. Seine Figuren werden gleich denen des Bildhauers greifbar lebendig. In voller Wirklichkeit erschafft er sie durch das verdichtete Wort. Meisterwerke wie „Der Panther“ entstehen. In nur zwölf Versen vermag Rilke seinem Panther ein Leben einzuhauchen, in dem alle dumpfe Kraft und Verzweiflung des gefangenen Raubtiers atmet, dessen Blick vom Vorübergleiten der Stäbe seines Käfigs müd geworden ist und dem sich nur manchmal noch lautlos der „Vorhang seiner Pupille“ aufschiebt um ein Bild in sich einzulassen, das im Herzen des Tieres gleich wieder erlischt. „Ä mon grand ami Auguste Rodin“, Meinem großen Freund Auguste Rodin, lautete die Zuneigung des ersten Teiles dieser Pariser Gedichte. „A mon grand ami Maria Rilke“ schrieb Rodin auf eine seiner schönsten Zeichnungen, die er für den Dichter auswählte und ihm als Gegengabe schenkte. Immer noch näher will Rilke an die Dinge heran. Er will die Welt in ihrer Fülle fassen. Alles verlangt er sich selbst und der neu zu schaffenden Sprache ab. Er geht sogar in die Bibliotheken und schlägt in alten Wörterbüchern nach, um neue, vergessene Worte zu finden, die er wie Bausteine zu seinem Werk benutzt. Manchmal beklagt er sich über das unzulängliche Material, das ihm in der abstrakten Sprache als Dichter zur Verfügung stehe: „Rodin empfingen jeden Morgen die großen Blöcke, an denen er seine Arbeit beginnen konnte, bei mir lag ein kleiner Bleistift auf dem Tisch.“ Gelegentlich unterbrach Rilke seinen Paris-Aufenthalt zu längeren Reisen oder Gastaufenthalten bei Freunden. Doch immer wieder kehrte er in den Jahren von 1903 bis 1914 in die Stadt an der Seine zurück, auch nachdem die Bindung an Rodin sich gelöst hatte. Dass zwei so ausgeprägte Künstlernaturen auf die Dauer nicht nebeneinander leben konnten, ist nur allzu verständlich. Jeder von ihnen folgte seinem eigenen Lebensgesetz. Dieses Gesetz führte Rainer Maria Rilke, nach der Erfahrung der äußeren Welt und ihrer künstlerischen Beherrschung, wieder in das Innere der Welt zurück. Er suchte hinter den Dingen die beseelende Kraft. Von Anfang an war Paris für Rilke nicht nur das Erlebnis Rodin, nicht nur der prickelnde Reiz französischen Lebens und französischen Geistes, auch nicht nur die Freude des Beobachtens kindlicher Spiele in den schattigen Parks. In Paris sah Rilke von Anfang an auch die Großstadt, die wie jede dieser steinernen Burgen des technischen Fortschritts auch eine Anhäufung von Leid und Elend war. Er beobachtete und beschrieb nicht nur das Karussell im Jardin du Luxembourg. Er sah dort auch den blinden Zeitungsverkäufer, „der am Gitter des Luxembourg-Gartens sich langsam hin- und zurückschiebt den ganzen Abend lang . . .“, und Mitleid und Verzweiflung über das Elend der Welt überfielen ihn. Auch in seiner düsteren Seite fand das Großstadterlebnis in Rilke seinen Widerhall. Der Dichter spürte alle Not, der er begegnete, in sich selbst, und allmählich wurde ihm die moderne Großstadt zum Symbol der Naturferne und der Ferne von Gott. Die Tage der Begeisterung wurden abgelöst von Tagen der Verzweiflung und Niedergeschlagenheit. Eine neue Dichtung entstand: der „Malte Laurids Brigge“. Bis 1910 arbeitete Rilke an diesem Prosawerk, das Ausdruck seiner düsteren Stimmungen ist. Es ist das Elend der Armen der Stadt, die Malte Laurids Brigge, in den Rilke seine eigenen Erlebnisse legt, sich zu Herzen nimmt. Die „Fortgeworfenen“, denen ihr Schicksal schon zur Rilke_RodinSelbstverständlichkeit geworden ist, die wie Verworfene durch die Straßen schleichen oder frierend auf den zugigen Plätzen stehen, schmutzig und verbraucht, mit einer schäbigen Bettstatt und einem Essnapf als einzigem Eigentum, sie sind es, denen er sich in Mitleid zuwendet und die ihn erneut zur Frage nach Gott veranlassen. Dicht tritt Rilke dem Elend gegenüber. Er stellt die Frage in ihrem ganzen Ernst: ob durch Mitleid und völlige Einfühlung das Elend der Welt gemildert werden könnte. Und wieder taucht der blinde Zeitungsverkäufer vor dem Jardin du Luxembourg vor Malte Laurids Brigge auf, der über ihn sagt: „Die durch keine Vorsicht oder Verstellung eingeschränkte Hingebung seines Elends übertraf meine Mittel. Ich hatte weder den Neigungswinkel seiner Haltung begriffen gehabt, noch das Entsetzen, mit dem die Innenseite seiner Lider ihn fortwährend zu erfüllen schienen. Ich hatte nie an seinen Mund gedacht, der eingezogen war wie die Öffnung eines Ablaufs.“ Es ist aber nötig, an alles das zu denken! In der Hast und dem Geflirre der Großstadt, ihren Attraktionen und Verführungen, dem mechanischen Ablauf ihres scheinbar so harmonischen Lebens liegt die unmenschliche Gefahr des Vergessens des Elends. Erst wenn wir das Elend der andern in uns aufnehmen, mitleidend daran teilnehmen, erst dann werden wir zu Menschen. Erst dann wird es uns auch möglich sein, das Leben in seiner Ganzheit zu fassen. Als Belohnung unseres Mutes gleichsam, dabei auszuhalten, so meint der Dichter, werden wir dann auch die Stufen vom Schrecklichen zum Seligen des Daseins emporfinden. Rilke glaubt an die läuternde Kraft des Leidens. Er glaubt, dass die Seele des Menschen so unerschöpflich reich ist, dass in ihr alle Möglichkeiten beschlossen sind. Es kommt auf die Anstrengung des Menschen an, was er aus seinem Leben macht. Wenn er allen Mut und alle Kraft in sich zusammennimmt, das ist die Botschaft des Dichters, dann ist es ihm möglich, den Schrecken in sein Gegenteil zu verwandeln. „Erst dem“, sagt Rilke, „dem auch der Abgrund ein Wohnort war, kehren die vorausgeschickten Himmel um…“ — So ist auch der „Malte Laurids Brigge“ gemeint. Über diese Dichtung schrieb Rilke, nachdem er sie unter Anwendung größter innerer Anstrengung vollendet hatte: „Der arme Malte fängt so tief im Elend an und reicht, wenn man es genau nimmt, bis an die ewige Seligkeit; er ist ein Herz, das eine ganze Oktave greift: nach ihm sind alle Lieder möglich.“ Gott, das Gute und das Heil sind nur durch Anstrengung, Opfer und Arbeit zu erreichen. „Alle Lieder“ bedeuten für den Dichter Lieder der Trauer und Lieder der Freude, das Leben in seiner ganzen Mannigfaltigkeit. Der Weg nach Paris war ein Weg innerer Wandlung und Reife für Rilke gewesen.

Im Strom der Zeit

RM_RilkeIm Januar 1910 kam Rilke mit den Niederschriften des „Malte Laurids Brigge“ im Koffer nach Leipzig, wo er als Gast im Hause seines Verlegers Kippenberg wohnte. Im Turmzimmer, über den Baumwipfeln des Gartens, diktierte er die Reinschrift dieser Dichtung für das Druckmanuskript. Nach einem Jahrzehnt sah nun auch Katharina Kippenberg den Dichter wieder, der ein anderer geworden war. „Er sah anders aus“, berichtet sie. „Der Hauch, der seine Stirn umgeben hatte wie ein Kranz Rosen, war verschwunden, sie war klarer und freier geworden, die Züge stärker modelliert. Rilke war nicht groß, sehr feingliedrig, mit einem schmal in die Höhe gehenden Kopf. Sein dunkelbraunes Haar stand hoch darüber und war wellig. Das Auge sah ich nun zum ersten Mal und war erstaunt, dass ich es nicht so sehr als den Mittelpunkt des Gesichtes empfinden konnte. Es war groß, von einem mittelhellen Blau, wie Kinderaugen manchmal sind, und es schien als ein Vorhang zu dienen, um Verborgenes zu schirmen. Den Mund umgaben senkrecht fallende spärliche blonde Haare, scherzend hat man von einem Chinesenbart gesprochen. Die Nase war außerordentlich geistreich, und den Nasenflügeln traute man eine so feine Witterung zu, wie ein edler Jagdhund sie besitzt. Sehr bald fiel auf, wie er mit Farbe und Aussehen wechselte . . .“ Seit Paris und dem „Malte Laurids Brigge“ hatte Rilke in menschliche Abgründe zu sehen gelernt. Sein Gesicht war zum Ausdruck seiner Feinfühligkeit geworden. Er fühlte ihre Bedrohung durch das heraufziehende Zeitalter totaler Technisierung. Und während allgemein die Stimmung der Bürger in dem Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende fortschrittsgläubig und unbeschwert war, gab er in seiner Dichtung der Sorge um die Zukunft Ausdruck. Es ist die Zeit scheinbarer Geborgenheit und scheinbar wohlgeordneter Verhältnisse, indes die Dämonen der Zerstörung bereits ihr Werk im Verborgenen betreiben. Bald wird der Erste Weltkrieg den Auftakt zur Katastrophe geben. Ein neues Zeitalter ist im Anbruch. Soeben entsteht in Amerika die erste Traumfabrik, die Filmstadt Hollywood, zwei Jahre darauf, 1912, führt Henry Ford das Fließband ein, Viktor Heß entdeckt die kosmischen Strahlen, und die Relativitätstheorie Einsteins kommt zu immer bedeutenderer Ausweitung. Der Fortschritt der Wissenschaften erzeugt zugleich ein Gefühl der Unsicherheit in den Menschen, die ihren festen Standort im Gefüge der Welt zu verlieren glauben. Es gibt kein festes Bezugssystem mehr, das standhielte, seitdem selbst die Atome, die „Urbausteine“ der Materie, sich in Teile auflösen. Die Maschine wird zum Symbol der neuen Welt. Durch die Technik begünstigt, wachsen die Städte riesengroß empor. Das freie, natürliche Leben droht unter ihrer Asphaltdecke zu ersticken. Wie viele Dichter seiner Zeit, Georg Heym, Bert Brecht, Franz Kafka, Oskar Loerke, Franz Werfel, Klabund, nimmt auch Rilke das Schicksal der Städte vorweg, das ihnen Jahrzehnte später erst im Feuerschein der Bombennächte und in der seelenlosen Automatisierung ihres Lebens bestimmt war. Er wendet sich gegen die Zerstückelung der Zeit, gegen die „kleine Zeit“, wie sie durch den modernen Arbeitsprozess in den großstädtischen Fabriken mit seiner Zersplitterung in lauter nicht mehr übersehbare, zusammenhanglose Einzelvorgänge und seiner Schichtarbeit sich ankündigt. Schon im „Stunden-Buch“ schrieb er:

Denn, Herr, die großen Städte sind
verlorene und aufgelöste;
wie Flucht vor Flammen ist die größte, —
und ist kein Trost, dass er sie tröste,
und ihre kleine Zeit verrinnt.

Er beschwört die Gefahren eines glaubenslosen Materialismus, wie er in den Städten wächst und sich in lautem Gebaren, in Betäubung und Selbsttäuschung und einem kritiklosen Fanatismus des Fortschritts äußert:

Die Städte aber wollen nur das Ihre
und reißen alles mit in ihren Lauf.
Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere
und brauchen viele Völker brennend auf.

Und ihre Menschen dienen in Kulturen
und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß,
und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren
und fahren rascher, wie sie langsam fuhren,
und fühlen sich und funkeln wie die Huren
und lärmen lauter mit Metall und Glas.

Es ist, als ob ein Trug sie täglich äffte,
sie können gar nicht mehr sie selber sein;
das Geld wächst an, hat alle ihre Kräfte
und ist wie Ostwind groß, und sie sind klein
und ausgehöhlt und warten, dass der Wein
und alles Gift der Tier- und Menschensäfte
sie reize zu vergänglichem Geschäfte.

Als dann der Erste Weltkrieg ausbrach, dessen Leid für Rilke unbegreiflich war, wenngleich er, durch die Begeisterung der ausziehenden Soldaten ergriffen, im August 1914 seine Kriegsgesänge schrieb, begann für Rilke eine Zeit schmerzlicher Krisis. Er lebte in München, war gesundheitlich sehr schwach und wurde deshalb für den Felddienst für untauglich erklärt. Im November 1915 kam er aber in das k. k. österreichische Kriegsarchiv nach Wien. Er litt unter dieser Arbeit, die ihn täglich mit den kriegerischen Ereignissen in Verbindung brachte. Auf eine Eingabe seines Verlages, die von einer Anzahl bekannter und führender Persönlichkeiten des literarischen und geistigen Deutschland unterzeichnet war, wurde er aus dem Militärdienst entlassen und kehrte im Juli 1916 nach München zurück, wo er eine eigene Wohnung gemietet hatte. Aber er war ein Gebrochener. Das Leid des Krieges drang tief in ihn ein. Schon 1912 hatte er auf Schloß Duino an der Adria bei Triest die ersten drei seiner berühmten „Duineser Elegien“ mit dem Klageruf begonnen:

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge vor seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.

Ausbruch tiefster Verzweiflung waren diese Verse. Aufschreie letzter Einsamkeit des leidenden Menschen, der verlassen dem Schmerz der Welt gegenübersteht. Die Ordnungen der Engel scheinen dem Dasein des Menschen so sehr entrückt, dass dieser sich mit seinem Schrei nicht an sie wenden kann. Doch selbst wenn die Engel des Menschen Stimme vernähmen, müsste er an ihrem Herzen und an ihrem stärkeren Dasein vergehen; denn die Schönheit dieser höheren Wesen ist so groß, dass sie das Wesen des Menschen überfordert und so zum Schmerz wird, gleich der Sonne, in die das Auge nicht ungeblendet schauen kann. Jetzt, mit dem Kriege, gewannen die Stimmen der Klage über Rilke noch größere Gewalt. So sehr wurde der Dichter vom Schicksal der Welt übermannt, dass ihm darüber die Stimme versagte. Fast während der ganzen Zeit des Krieges verstummte er. Bald flüsterte man sich unter Rilkes Freunden und Bekannten in München zu: „Rilke wird nicht eine Zeile mehr schreiben.“ Tatsächlich sollte es bis 1921 dauern, bis der Dichter wieder im Vollbesitz seiner künstlerischen Kraft war.

Die letzten Jahre — Vollendung

Nach dem Kriege ging Rilke in die Schweiz. Von innerer Unruhe geplagt, zog er von Hotel zu Hotel, von Stadt zu Stadt, immer im Aufbruch, ohne Rast, hielt Vorträge und machte Besuche. Erst im Winter 1921 fand er Ruhe“. In der strengen Einsamkeit des kleinen Schlosses Muzot bei Sierre an der Rhone, in dem bergigen Schweizer Wallis, das sein Freund für ihn mietete, reifte sein Werk der Vollendung entgegen. Hier wachsen Weinreben in südlicher Heiterkeit und mildem Glanz, uralte Tannen ragen wie aus einem Märchenwald der Urzeit, bemoost und mit weiten, hängenden Ästen aus den grünen Matten der Hänge und Täler, und der Walnussbaum reift, von dem der Kanton seinen Namen hat. In dieser Landschaft mit ihren glühenden Sonnenuntergängen hinter den großen Bergen, ihrem Wolkentheater auf dem südlich blauen Grund des Himmels, ihren Quellen und Bächen, Taltreppen und klassisch klaren Umrissen der Hügel und Häuser, fernab dem Getriebe der Städte, vollendet Rilke die „Duineser Elegien“, die er als sein Vermächtnis betrachtet.
Rilke_05Gleichzeitig aber, und das ist das Wunder dieser großen schöpferischen Zeit, schreibt er an den „Sonetten an Orpheus“. Er stellt der Elegie — der Klage — den freudigen Klang der orphischen Sonette gegenüber. Das ganze Dasein will er gestalten. Nicht nur den Schmerz, sondern auch die Freude. Orpheus ist der alte griechische Gott und König der Lieder, der große Zauberer der Töne, Sohn des Apollon und seiner Muse. Von solcher Zauberkraft war sein Gesang, dass er wilde Tiere damit zähmte und selbst Bäume und ganze Wälder, von seinem Liede gebannt, ihm folgten. Er ist eine Rilke tief verwandte Gestalt, die klassische Vollendung dessen, was schon an der Prager Sage vom Sänger Dalibor den Zwanzigjährigen ergriffen hatte. Ihn, Orpheus, beschwört Rilke nun, und er setzt seinen Gesang dem Klageruf der Elegie entgegen, damit das Gleichgewicht der Welt wieder hergestellt werde. Neben dem Aufschrei über das Leid steht jetzt auch das Rühmen der Welt.
Über das Entstehen der Elegien berichtete er der befreundeten Fürstin von Thurn und Taxis: „Alles in ein paar Tagen, es war ein namenloser Sturm, ein Orkan im Geist (wie damals auf Duino), alles, was Faser in mir ist und Geweb, hat gekracht, — an Essen war nie zu denken, Gott weiß, wer mich genährt hat.“ Rilkes Dichtung, die aus der ganzen inneren Fülle seiner Lebenserfahrung genährt ist, zehrte am Leben des Dichters selbst. Der Weg seines Lebens und seiner Kunst war ein einziger Weg in die verborgenen Tiefen des Daseins und aller Dinge, ein Weg in das Innere der Welt und in sein eigenes Innere. Es war ein für den Dichter erschöpfender Weg. „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr“, klagte er einmal, als er sein Werk bereits vollendet hatte. Zu Beginn des Jahres 1926 fühlte er sich krank, müde, verbraucht. Er ging in das Sanatorium nach Val-Mont, bei Montreux am Genfer See, im Sommer dann nach Ragaz, wo er Bäder nahm. Aber schon im Dezember musste er wieder nach Val-Mont. Die Ärzte stellten eine unheilbare Blutkrankheit fest. Rilke verfiel schnell. Er litt unmenschliche Schmerzen. „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod“, hatte er vor dreiundzwanzig Jahren einmal geschrieben. Jetzt machte er selbst mit dieser Bitte ernst. Er wollte seinen eigenen Tod sterben, bei vollem Bewusstsein. So wies er alle inneren Medikamente zurück, die ihm die Ärzte geben wollten. Selbst unter Qualen verzichtete er auf das falsche Glück des schmerzlindernden Morphiums. Er wollte den Tod auf sich nehmen. Am Morgen des 29. Dezember 1926, kurz vor fünf Uhr, hatte er, einundfünfzigjährig, seinen letzten Kampf bestanden. Hoch auf einem Hügel zu Raron, auf dem kleinen Friedhof über dem Rhonetal, wurde Rainer Maria Rilke am 2. Januar 1927 zur letzten Ruhe bestattet. Den Wanderer, der diesen Ort im Sommer besucht, empfängt der Duft unzähliger Rosen. Immer waren die Rosen Rilkes Lieblinge gewesen. In zahlreichen Versen hatte er ihr stilles Blühen gefeiert. Unter ihren Blütenblättern, die ihm wie Augenlider sind, bewunderte er das geheimnisvolle Leben, das Rätsel und den Widerspruch, dass diese Lider sich über einer Blumenruhe schließen, die dennoch kein Schlaf, sondern Leben ist. Vielleicht dachte er an den eigenen Todesschlaf als einen Schlaf zu neuem Leben, als er diese, seine letzten Verse schrieb, die auf dem Grabstein im Bergfriedhof zu Raron stehen: Rose, o reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern.